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18. Historische Wanderung am 23.03.2014

Eine Gruppe von ca. 40 interessierten Teilnehmern nahm an der 18. Historischen Wanderung durch Kirchhellen teil, die gemeinsam vom Verein für Orts- und Heimatkunde und der Kolpingsfamilie Kirchhellen organisiert wurde.

Ausgangspunkt war um 11:00 Uhr der Spargelhof Beckmann an der Rentforter Straße. Gästeführerin Agnes Grewer von der Kolpingsfamilie und Peter Pawliczek, Vorsitzender des Heimatvereins hatten eine interessante Route ausgewählt, die zunächst über den Schlagkamp und den Hohe Heide-Weg führte. Hier erfuhren die Teilnehmer zu Beginn wissenswertes über Kirchhellener Straßennamen. Der Schlagkamp bezeichnet eine kahlgeschlagene, lichte Waldstelle, die wie die Endung "kamp" ausweist, als Ackerfläche genutzt wurde. Über den Hohe Heide Weg in dessen Nähe früher eine Zollstation mit einem Schlagbaum gestanden haben soll ging es weiter. Die Bewohner eines sich dort  befindlichen Hauses haben noch heute den Beinamen "Schlabom", was auf Platt "Schlagbaum" heißt. Der Brabecker Weg auf den man dann einbog wurde bis zur Hohen Heide im Volksmund nur "Hippenstraße" genannt, weil hier fast alle Anwohner am Straßenrand eine Ziege, "die Kuh des kleinen Mannes" weiden ließen, die zur Versorgung der Familie diente. Da die Straße ein mit Gras bewachsener Weg war, war das Gelände hierfür ideal. Die Ziegen wurden entweder von Kindern gehütet oder mit einer Kette an einem Eisenpflock angebunden. Im 2. Weltkrieg soll es in der Hohen Heide ein Arbeitslager gegeben haben, in dem Kriegsgefangene untergebracht waren, die in den umliegenden Betrieben der chemischen Industrie zum Arbeitsdienst herangezogen worden sind. 

Nachdem erneut die Rentforter Straße überquert wurde, auf der früher die Straßenbahn Linie 17 von Essen-Bredeney über Gladbeck bis nach Kirchhellen fuhr, querte man auf dem Brabecker Weg den alten Bahndamm, auf dem die Bahnlinie von Bottrop nach Dorsten verlief. Hier erfuhren die Teilnehmer, dass Kirchhellen zur damaligen Zeit über zwei Bahnhöfe verfügte. Der eine in der Nähe der heutigen Straße "Am alten Bahnhof" am Ortsrand Richtung Overhagen und der zweite an der Ortsgrenze zu Gladbeck in der Nähe von Haus Brabeck, wo der Weg zur Brabecker Mühle führte.

Weiter wanderte die Gruppe dann zum Haus Brabeck, einem der ältesten und zusammen mit Haus Beck wohl bedeutendsten Adelshäuser Kirchhellens, das heute von der Familie Ernst bewohnt wird, welche die Geschichtsinteressierten herzlich empfing. Da der Hof ansonsten nicht öffentlich zugänglich ist, war dies ein interessanter Punkt der diesjährigen Wanderung.

Haus Brabeck wird erstmals 890 als "Borathbeki" in einer Urkunde des Vest Recklinghausen erwähnt. Der Name deutet auf einen Wasser- bzw. Bachreichtum hin, da die Gegend in der Tat ein mit Bächen, Teichen und Gräften durchzogenes Sumpfgebiet war, das einem niedersächsischen Edelmann als Schutz vor Überfällen geeignet erschienen, um dort ein Anwesen zu errichten. Im Zuge der christlichen Grundherrschaften erwarben die Kirchen im Mittelalter durch Kauf, Tausch und Schenkung zahlreiche Ländereien. So kam es auch, dass Haus Brabeck ab 1055 zum Lehensbesitz der vom ersten Bischof von Münster, Ludgerus, gegründeten Benediktinerabtei Werden gehörte und die Verpflichtung hatte, den Abteiboten zu beherbergen, wenn dieser die Abgaben für das Stift Werden in der Gegend einsammelte. Aus einer sich im Staatsarchiv Düsseldorf befindlichen Urkunde vom 10.06.1055 geht nämlich hervor, dass ein Geistlicher namens Rumold dem Kloster Werden einen Hof in "Brahtbeke" mit der gesamten dazugehörigen Nutznießung schenkungsweise übergibt. 1247 wird dann in einem Gelöbnis des Grafen von Cleve, dem Erzbischof von Köln Beistand zu leisten ein Leonius von Bradbecke erwähnt, der als Bürge auftritt und offensichtlich mit dem Lehen betraut war. Zu Beginn des 14. Jhd. muss Haus Brabeck ein wohlhabendes und angesehenes Adelshaus gewesen sein, da aus den alten Urkunden ersichtlich ist, dass Diederich von Brabecks Bruder, Wolter von Brabeck das Haus Wittringen in Gladbeck besaß.

Der im Kirchhellener Raum bekannteste Brabeck war Georg (Jürgen) von Brabeck, der auf Seiten des neuen Kurfürsten und Erzbischofs von Köln, Herzog Ernst von Bayern, in den Truchsesschen Wirren (Kölner Krieg) 1583 nach Belagerung von Haus Brabeck gefangen genommen wurde und nach seiner Freilassung vom Kölner Erzbischof zum Statthalter des Vestes Recklinghausen, also zu seinem Stellvertreter in dem weit entlegenen Landesteil ernannt wurde.
Der Name seines Vaters, Wolter von Brabeck, ist eng mit dem sog. Wasserstreit mit der Familie Knipping verbunden, der selbst mit einem Vertrag beim Erzbischof in Köln 1544 kein Ende fand. 

Durch Heirat entstanden weitere Linien des Hauses Brabeck. So waren die Brabecks neben Haus Wittringen auch Besitzer der Herrenhäuser Letmathe (von Brabeck zu Letmathe), Hemer (von Brabeck zu Letmathe und Hemer) und Schloss Söder (von Brabeck zu Söder). Die Kirchhellener Linie als von Brabeck zu Brabeck bestand bis 1818 fort, als der nach Böhmen ausgewanderte Bernhard von Brabeck kinderlos starb. 
Durch Heirat wurde auch das Kirchhellener Adelshaus Hackfurth dem Brabeckschen Besitz zugeschlagen. Mitte des 17. Jhd. gehörten im Kirchspiel Kirchhellen mehr als 30 Höfe und Kotten aus dem Dorf, aus Overhagen, Ekel, Hardinghausen und Holthausen zum Hause Brabeck.

Der Name Brabeck begegnet uns heute in vielen unterschiedlichen Quellen. Einige Nachgeborene der unterschiedlichen Linien gehörten, wie bei katholischen Adelshäusern üblich, dem Domkapitel eines Bistums (z.B. Münster oder Paderborn) an, um aus den damit verbundenen Pfründen ihren Lebensunterhalt zu sichern. Jobst Edmund von Brabeck wurde sogar Fürstbischof von Hildesheim, Johann Karl Theodor von Brabeck (1738-94) zunächst Abt des Klosters Corvey und später ebenfalls Fürstbischof von Corvey. Friedrich Moritz von Brabeck machte sich als Kunstmäzen einen Namen und Peter Brabeck-Letmathe ist als Manager noch heute im Vorstand der Fa. Nestlé tätig.

Das Haus Brabeck selbst, welches um 1650 in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, forderte Abt Ferdinand von Werden wegen der hohen Schulden 1690 zurück, wogegen sich Johan Herman von und zu Brabeck in einem langen Prozess zur Wehr setzte. Sein Sohn Edmund Walter von Brabeck verlor dann endgültig 1728 vor dem Reichskammergericht den Rechtsstreit, so dass der Freiherr von Westerholt Aufsitzer auf Brabeck wurde. 1787 wurde Brabeck jedoch an Klemens August Wenge auf Haus Beck verkauft. 1848 übernahm Graf Levin von Wolff-Metternich das Erbe, nachdem er eine von Wenge geheiratet hat. Nachdem der letzte alleinige Besitzer des Hauses Brabeck, der Reichsgraf Friedrich von Wolff Metternich 1929 verstorben war, ging das Haus Brabeck in eine Erbengemeinschaft über. Diese verkaufte das Haus und 500 Morgen Landbesitz 1938 an die Bergwerksgesellschaft Hibernia. Pächter des Rittergutes blieb Familie Steinmann, die seit 1887 als Pächter den Hof bewirtschaftete. 1956 wurde Haus Brabeck erneut verkauft. Mit Ausnahme der Wassermühle, die der Bildhauer Gottfried Kappen erwarb, ging das Eigentum auf die Brüder Franz und Johannes Schulte-Kellinghaus aus Gelsenkirchen-Buer über. Kappen, bekannt für seine Polyesterfiguren, betrieb zunächst sein Atelier noch im Wehrturm, dem ältesten wohl um 900 entstandenen Gebäudeteil, bis er damit zu einem späteren Zeitpunkt in die von ihm bewohnte Brabecker Mühle umzog. 1963 wurde ein Teil der Ländereien an die Pächterfamilie Steinmann veräußert und das Gebäude mit dem Hofraum an die Stadt Gladbeck verkauft, die den Hof dazu nutzte, um den in der Gladbecker Innenstadt eine Schweinemast betreibenden Kaufmann Johann Kuppen, auszusiedeln. Kuppen betrieb dort bis 1984 seine Schweinemast, bis Brabeck in einem äußerst renovierungsbedürftigen Zustand an die Familie Ernst verkauft wurde, die seitdem die Gebäude renoviert und dort neben dem Dachdeckerbetrieb eine Pferdepension betreibt.

Für Kirchhellen von besonderer Bedeutung ist das Brabecksche Wappen. Auf einem schwarzen Schild zeigt es drei goldene Wolfsangeln, also Gerätschaften, die zum Fangen von Wölfen dienten. Diese drei Wolfsangeln findet man nur in schwarz auch im Kirchhellener Gemeindewappen wieder. Als Symbol für die Eingemeindung Kirchhellens wurden die Wolfsangeln von Brabeck 1977 auch in das Bottroper Stadtwappen integriert. Und auch das Gladbecker Wappen enthält die Wolfsangeln. Hier haben sich sogar noch die ursprünglichen Farben Brabecks gold bzw. gelb und schwarz erhalten, so dass hier nochmals die verwandtschaftlichen Beziehungen von Brabeck und Wittringen deutlich werden.

Neben diesen Fakten erfuhr die Gruppe eine Menge von Anekdoten rund um das Haus Brabeck. Man berichtete u.a. von geheimen Verbindungsgängen innerhalb der dicken Gebäudemauern und auch von Tunneln, die angeblich bei Renovierungsarbeiten entdeckt worden seien, und die Brabeck mit anderen Adelshäusern und Bauernhöfen der Umgebung verbunden haben sollen. Belege hierfür gibt es jedoch nicht. Gesichert scheint hingegen zu sein, dass Haus Brabeck früher, vor einem Brand einmal anders ausgesehen haben muss. Der jetzige Eingang und die untere Etage, war früher wohl das Kellergeschoss und insgesamt war das Gebäude um eine weitere Etage aufgestockt, was aufgrund der baulichen Proportionen und einer für eine zu einem Dachboden führende zu breit angelegte Treppe in der 1. Etage des Gebäudes, durchaus nachvollziehbar ist. Aus diesem Grund geht man davon aus, dass sich der ursprüngliche Eingang unterhalb des Herkules-Reliefs an der Fassade befunden haben muss. Die Glocke auf dem Dach diente dazu, den Arbeitern auf den Feldern zu Mittag zu läuten, die daran ihren Arbeitsalltag orientierten.

An der Scheune aus dem Jahre 1617 konnte die Gruppe noch ein gut erhaltenes Brabecker Wappen erkennen. Auch die Tür des etwas weiter entfernten alten Schafstalls weist eine Besonderheit auf. Die Türumrahmung enthält Wappen, die auf einen Beckschen Ursprung hindeuten. Sie soll die bei der Kirchenerweiterung 1595 bis 1606 neu errichtete Kirchentür der alten Pfarrkirche St. Johannes gewesen sein. 

Weiter führte die Gruppe die Wanderung durch die Dorfgeschichte über die Autobahnbrücke der A 31, deren Bau Anfang der 1980er Jahre begann und die als sog. "Ostfriesenspieß" 1987 eingeweiht wurde.

Nächster Punkt war der Bauernhof von Karl-Wilhelm "Kalle" Steinmann. Seine Eltern waren die letzten Pächter auf Haus Brabeck, bevor sie den jetzigen Hof Steinmann erwarben. Kalle Steinmann selbst wurde noch im Haus Brabeck geboren und betreibt jetzt auf dem von den Eltern übernommenen Hof eine Schweinemast mit ca.1.500 Tieren. Das ein landwirtschaftlicher Betreib auf mehreren Säulen aufgebaut sein sollte, wird der Gruppe verdeutlicht, als Steinmann erläutert, dass er neben der Schweinemast noch eine Pferdepension mit rund 60 Plätzen und zwei Erdbeerfelder, die ausschließlich für Selbstpflücker verwertet werden, betreibt. Ein weiteres wichtiges Thema sind die regenerativen Energien. Steinmann berichtet, dass man zunächst Photovoltaikanlagen auf den Dächern montiert hätte, um den so gewonnenen Solarstrom ins Netz zu speisen und auch für eigene Zwecke zu nutzen. Im vergangenen Jahr habe man ein Windrad aufgestellt, nachdem Windkrafträder von einer Größenordnung von über 130 Metern Höhe technisch möglich seien, die auch in unseren nicht Küsten-Regionen eine gute Energieausbeute liefern würden. Zur Zeit wird der so gewonnene Strom noch vollständig direkt ins zentrale Netz weitergeleitet. Zukünftig geht Steinmann aber davon aus, auch die Windenergie zur Deckung des eigenen Bedarfs durch verbesserte Speicheranlagen nutzen zu können. Jedenfalls wurde deutlich, dass die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen für Windenergie ein aktuelles Thema bleiben wird.

Danach konnten die Teilnehmer einen Blick in die Schweineställe werfen und die Fütterungsanlage in Augenschein nehmen. Anschließend erklärte Steinmann die computergesteuerte Anlage, die u.a. auch das Brot der umliegenden Bäckereien verwertet. Nach weiteren Informationen zur Schweinemast und der Verwertung der Schweine ging es weiter vorbei an der Gärtnerei Wilms durch das Neubaugebiet Tappenhof. Hier sind in den letzten drei Jahren zahlreiche neue Wohneinheiten entstanden, in denen mittlerweile über 500 Kirchhellnerinnen und Kirchhellener wohnen. Tappenhof war ursprünglich ein Kotten in der Nähe des Schlagkamps. Hierbei handelt es sich um einen aus prähistorischer Zeit abgeleiteten Flurnamen, der soviel wie "nasse Wiese" oder "Schlamm, Lehm" bedeutet, wie auch aus dem englischen Wort "tapeley" (= nasse Wiese) oder dem spanischen "tap" (=Lehm) abgeleitet werden kann. Ob der in Kirchhellen gebräuchliche Familienname Tappe etwas mit der Bezeichnung zu tun hat, ist hingegen nicht bekannt.

Zum Abschluss der Wanderung fand man sich wieder auf dem Spargelhof Beckmann an der Rentforter Straße ein. Auch hier erfuhren die Teilnehmer, dass dieser Hof ursprünglich aus dem Hof Schulze-Oechetering an der Hackfurthstr. hervorging. Vor fünf Jahren, 2009, erfolgte der Umzug zur Rentforter Straße, nachdem auf dem Gelände des alten Schulze-Oechtering-Hofes ein städtisches Jugendzentrum entstehen sollte und die Räumlichkeiten für die Vermarktung des Spargels dort nicht mehr ausreichten. Seit 1993 ist der Betrieb von Markus und Katrin Beckmann von Rind- und Schweinehaltung auf einen reinen Spargel-Anbaubetrieb umgestellt worden. Auf 70 Hektar Anbaufläche in Kirchhellen, Hünxe, Schermbeck und Recklinghausen für weißen und grünen Spargel werden in der Hochsaison (Mai bis zum Spargel-Silvester am Johannistag) von 130 Mitarbeitern in der Produktion, davon zahlreiche Saisonarbeiter aus Polen und 30 bis 40 Aushilfen im Verkauf, täglich fünf bis sechs Tonnen Spargel gestochen und im eigenen Hofladen, an den Verkaufsständen an der Münster- und Hackfurthstraße, sowie in Recklinghausen und Bergisch-Gladbach vermarktet. Als Mitglied einer Genossenschaft werden ebenso Händler vorwiegend im Raum Köln und Bonn beliefert.

Bei einer Käse-Lauch-Suppe und Getränken im Beckmannschen Hofbistro klang diese interessante 2,5 stündige Wanderung aus. (M.B.)